Ausstellung von Onur Gökmen im Salt Galata: Subsoil
Vom 02. April bis 03. Mai 2026 kann Onur Gökmens Ausstellung Toprakaltı, an welcher er auch im Rahmen seines Aufenthalts an der Kulturakademie Tarabya Juni bis September 2025 arbeitete, im SALT Galata besucht werden. Die Ausstellung thematisiert ein Ereignis, das in der türkischen Umwelt- und Institutionsgeschichte bisher nur eingeschränkt Beachtung gefunden hat: die Entdeckung radioaktiver Kontamination in Tee aus der Schwarzmeerregion nach der Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986.
Nach der Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl führte ein Team von Wissenschaftler:innen an der Technischen Universität des Nahen Ostens (ODTÜ) – darunter auch die Eltern des Künstlers, İnci und Ali Gökmen – eine Untersuchung durch, um die Auswirkungen des radioaktiven Niederschlags auf den in der Schwarzmeerregion angebauten Tee zu messen. Die Ergebnisse wurden in einem Bericht zusammengefasst und den zuständigen Behörden vorgelegt. Offizielle Stellungnahmen neigten jedoch dazu, Ausmaß und Gesundheitsrisiken der Kontamination herunterzuspielen – nicht zuletzt aus Sorge um wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität. Während Debatten über öffentliche Gesundheit und Verantwortlichkeit andauerten, gelangte der ODTÜ-Bericht schließlich an die Presse. Obwohl die Berichterstattung, die das Thema häufig über mediale Bilder und Schlagzeilen aufgriff, eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit erzeugte, blieben institutionelle Reaktionen weitgehend unverändert und kontaminierter Tee blieb weiterhin im Umlauf. Sensationshafte Aussagen, die die Auswirkungen der nuklearen Kontamination verharmlosten, wie „Radioaktiver Tee schmeckt besser“ oder „Ein bisschen Strahlung ist gut für die Knochen“ sowie Bilder von staatlichen Funktionsträgern beim Teetrinken prägten sich in das kollektive Gedächtnis ein. Tee wurde so zu einem materiellen Zeugnis unsichtbarer Strahlung und zum Träger nuklearer Angst.
Die Ausstellung, die drei Ausschnitte dieses bedeutenden Ereignisses der türkischen Nukleargeschichte inszeniert, verbindet fiktionale und dokumentarische Elemente und schafft so einen Dialog zwischen Erzählung und Beweis. Der erste Teil zeigt einen räumlichen Ausschnitt aus der ODTÜ, wo die Kontamination des Tees bewiesen wurde, sowie einen Dokumentarfilm, der auf den Schilderungen von İnci und Ali Gökmen basiert. Der zweite Abschnitt, angesiedelt in einem Fernsehstudio, spiegelt die Verflechtung von Medien, Staatsapparaten und Bürokratie wider. Im Zentrum der Installation steht ein Kurzfilm, der von Nachrichtenbeiträgen ausgeht, die einerseits die Menge radioaktiver Substanzen im Tee leugnen und zugleich ein imaginäres Bild der Schwarzmeerregion entwerfen. Der dritte Teil, der sich hinter den Kulissen befindet, besteht aus Fotografien, die gleichsam zwischen diesen beiden Erzählsträngen hindurchsickern und als Spuren der Tschernobyl-Katastrophe in der Türkei gelesen werden können.
Diese drei Szenen, die der Bewegung von Strahlung sowohl in natürlichen als auch in institutionellen Systemen nachgehen, legen offen, wie unsichtbare und langsame Umweltzerstörung öffentliche Gesundheit, politische Entscheidungen und gesellschaftliche Narrative geprägt hat. Zugleich erinnert die Ausstellung daran, dass Strahlung niemals vollständig der Vergangenheit angehört: Sie lässt sich weder einer einzelnen Generation noch einer bestimmten Geografie zuordnen. So wie Strahlung, die durch Wolken getragen wird und in den Boden einsickert, über die Erde in die Gegenwart weiterwirkt, zirkulieren auch die Bilder dieses Ereignisses weiterhin in persönlicher und kollektiver Erinnerung.